Flaute oder Sturm?

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1981

Die irrationale Börsenphase setzt sich ohne die geringste Unterbrechung fort: Während die Anleger ohne zu zögern oder gar nachzudenken in „sichere“ Staatsanleihen fliehen, die ihnen nach Steuern eine magere Rendite von ca. 0,8% (wenn man die inoffizielle Inflationsrate einrechnet, wohl sogar eine negative Rendite) einbringt, die noch dazu mit dem hohen Risiko eines Kursverlusts von mindestens 20% erkauft wird, investieren die Unternehmen weiter und tätigen eine Übernahme nach der anderen. Gestern wurde gemeldet, dass OEP Smartrac für 20 € je Aktie übernehmen möchte (das könnte noch aufgebessert werden??), auch SMA Solar soll angeblich im Visier von First Solar stehen.

Heute kauft nun der US-Versorger Exelon die Windenergiesparte von Deere & CO, John Deere Renewables, LLC für 900 Mio. USD. Enthalten sind 36 komplette Projekte in 8 US-Staaten mit einer Kapazität von 735 Megawatt.

Der Chart Exelons ähnelt dem der deutschen Versorger E.ON und RWE. Auch das ist eine klare Übertreibung nach unten, so wie der letzte Anstieg eine nach oben war (es zeigt sich, dass Übertreibungen nach oben fast spiegelverkehrt auch nach unten erfolgen und das im selben Wert!!, was ein Grund dafür ist, Fahnenstangencharts zu meiden oder den entspr. Wert in die Fahnenstange hinein zu verkaufen).

Im Sonderangebot gibt es aktuell aber nicht nur E.ON oder RWE, sogar der Weltmarkführer, Vestas Wind Systems wird weiter verramscht:

Trotz zuletzt gemeldeter hoher Auftragsbestände, verkauften Investoren Vestas-Aktien als wehte in Zukunft kein laues Lüftchen mehr. Die Unternehmenslenker von Vestas deckten sich hingegen in den letzten Wochen mit den Aktien ihres Unternehmens ein als gäbe es in Zukunft keine mehr zu kaufen.

Das Beispiel Exelon zeigt jedoch noch etwas- wie ich meine- viel Wichtigeres: Die Aktien der großen Energieversorger werden von den Investoren gemieden, weil befürchtet wird, dass die Zukunft der Energieversorgung dezentraler Natur sein wird und das Geschäftsmodell der Energieriesen angesichts der zunehmenden Anzahl kleinerer (alternativer) Energieerzeuger vor diesem Hintergrund in Frage gestellt wird. Da die Energieriesen jedoch selbst in Krisenzeiten über einen kontinuierlichen Cashflow verfügen und nach wie vor im Geld nur so schwimmen, ist es für jene ein leichtes Spiel, jene Gewinne zu investieren und kleinere und mittlere Unternehmen wie die John Deere Renewables, LLC zu übernehmen.

Für E.ON und RWE gilt noch zusätzlich: Trotz der geplanten Abgaben in Form einer „Brennelementsteuer“ oder was auch immer; eine Laufzeitverlängerung der Kernkraftwerke wird den Gewinn von E.ON und RWE zwar schmälern, aber es wird ein zusätzlicher zweistelliger Milliardengewinn generiert werden (den jene in Übernahmen investieren werden und natürlich den Aktionären weiterhin hohe Dividenden zahlen). Nicht zuletzt diese Fakten sprechen ganz klar dafür, dass ich ein Investment in Versorgeraktien jeder „sicheren“ Staatsanleihe den Vorzug gebe. Wenn ich mir jetzt E.ON-Aktien für 22 € das Stück kaufe, bei 18 € erneut kaufe und- sollte es ganz schlimm kommen, bei 12 nochmals investiere, werde ich unterm Strich mit diesem Investment auf Sicht von 10 Jahren eine Rendite erzielen, die über der „sicherer“ Staatsanleihen liegen wird. Alleine die Dividendenzahlungen, die ich erneut z.B. in E.ON-Aktien reinvestieren werde, tragen dazu bei, dass es mir als E.ON- oder RWE-Aktionär wesentlich besser ergehen wird als dem Staatsanleihenbesitzer.

Worin liegt also das große Problem?

Nun, diese Denkweise ist der Mehrzahl der Börsianer völlig fremd, es werden Linien in Charts eingezeichnet, Formationen erkannt, die beim Über- oder Unterschreiten des Kurses „aktiviert“ oder „deaktiviert“ werden usw. Man „bildet sich fort“, um auf dem Gebiet des Linieneinzeichnens den nächsten Taschenspielertrick zu erlernen (den Andere schon längst beherrschen) und spielt weiterhin Casino. (Wobei im Casino bekanntlich immer die Bank gewinnt und wenn einmal nicht, dann hilft Vater Staat gerne aus, denn jener kann „sichere“ Anleihen emittieren, um die Banken und uns alle zu retten.)

Sehr gut kann ich mich noch an die Worte meiner ehemaligen Mathematiklehrerin erinnern, die immer einen flotten Spruch auf den Lippen hatte, wenn wir gerade dabei waren, uns total zu verrechnen:

„Der Quatsch wird immer quätscher, bis er quietscht“!

Ich kann jenes Geräusch schon aus weiter Ferne vernehmen und werde mir ab 25 € downwards auch noch ein paar Vestas Aktien in mein Depot legen. Vielleicht werden es in ein paar Jahren dreistellige Gewinne wie in Hugo Boss (im Herbst 2008 gekauft) oder wie zuletzt in Rational (auch im Herbst 2008 gekauft)?

Wenn es irrational an den Märkten zugeht, verwandle ich mich in meine Gegenteil und kaufe nach und nach entgegen dem Trend. Catching a falling knife can sometimes be successful (if you are willing and able to catch it)!?

„Be greedy when others are fearful and fearful when others are greedy!“ (Warren Buffett, Gratulation zum 80. Geburtstag!)

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